thomaskastura.de: Raupachs Welt: Interview mit Michaela Pelz

Interview mit Michaela Pelz

Exklusivinterview mit Thomas Kastura

Als die Interviewerin sich an diesem Buchmessen-Freitag endlich durch die Menschenmassen gequält und am Stand der Verlages eingefunden hat – zum Glück pünktlich -, ist der fränkische Autor mit den klugen Augen unter der hohen Stirn schon da. Bescheiden und zuvorkommend sorgt er zunächst für das leibliche Wohl seiner doch recht abgekämpften Gesprächspartnerin, bevor er die gestellten Fragen geduldig, ausführlich und mit so vielen interessanten Zusatzinformationen beantwortet, dass die für das Interview veranschlagte halbe Stunde im Nu verflogen ist.


Herr Kastura, feiern Sie Fasching oder Karneval?

Zu Hause feiern wir Fasching, wenn ich im Rheinland bin natürlich Karneval. Beides kann vergnüglich sein – in Maßen.


Sie wissen, warum ich diese Frage gestellt habe:
Sie selbst stammen aus Bayern (wo Sie auch leben) und doch spielt „Der vierte Mörder“ in Köln.
Wie kommt das?

Dazu muss ich ein klein wenig ausholen.
Ich wollte gern einen Kriminalroman schreiben, in dessen Mittelpunkt Drohbriefe stehen, die einen Anschlag auf eine U-Bahn ankündigen.
Also brauchte ich einen Schauplatz. Und zwar nicht irgendeinen, sondern eine Stadt, die ein urbanes Verkehrssystem einer Größenordnung besitzt, bei der ein solches Bedrohungspotential gegeben ist.
Der Auslöser für diese Idee – die ich bereits vor den Londoner Anschlägen hatte – war ein Vorfall im Jahr 2003 in Daegu, der drittgrößten Stadt Südkoreas. (Ein Selbstmordversuch hatte dort zu einem Brand geführt, bei dem fast 200 Menschen ihr Leben verloren und ca. 150 teilweise sehr schwer verletzt wurden – A.d.R.).
Ich wollte die Frage beleuchten: Was geht in einem Einzeltäter vor, der ein Verbrechen begeht, das sonst eher einer politischen oder religiösen Gruppierung zugeschrieben wird (denken Sie nur an die AUM-Sekte und ihren Giftgasanschlag 1995 in der Tokioter U-Bahn).
Sie sehen also, der Roman konnte gar nicht in Bamberg spielen – ich brauchte unbedingt eine Großstadt, um den wunden Punkt unserer Zivilisation zu beschreiben.


Und warum dann gerade Köln?

Ich habe viele Freunde in Köln, kenne die Stadt also ganz gut, wenn auch nur als Besucher.
Die Mischung, die man dort findet, ist einfach toll: Einerseits spröde, andererseits aber auch sehr herzlich.
Außerdem ist mir der regionale Aspekt sehr wichtig. Der deutsche Krimi war schon von jeher stark regional ausgerichtet (denken Sie nur an Droste-Hülshoff oder Fontane). Unter anderem deswegen, weil es im Deutschland des 19. Jahrhundert keine Metropolen gab, die mit Paris oder London vergleichbar waren. In Köln sind diese regionalen Wurzeln besonders stark ausgeprägt. Sie erfüllen einen Krimi mit Leben. Wenn man also beides will, einen Fall von internationaler Brisanz und zugleich ein markantes, stimmungsreiches Umfeld, dann ist Köln ideal.


Gibt es noch andere Gründe, einen Roman nicht in der Stadt spielen zu lassen, die man am besten kennt, weil man dort lebt?

Oh ja.
Sehen Sie, in der eigenen Heimatstadt ist alles und jedes mit einer bestimmten Bedeutung „besetzt“. Angefangen von diesem oder jenem Café bis hin zu irgendeiner Parkbank.
In einer fremden Stadt wiederum lässt sich vieles unvoreingenommen entdecken, man kann sie wie eine Bühne benutzen, oder ein Film-Set. So freue ich mich jedes Mal, wenn ich nach Köln komme, aus dem Zug steige, über die Domplatte gehe, dass ich jetzt gleich meine Figuren wie Schauspieler an diesen Orten agieren lassen kann.
Sobald ich dann in Nippes bin, dem „Veedel“, das ich am besten kenne, weil ich dort während meiner Köln-Aufenthalte wohne, weswegen auch mein Roman teilweise dort spielt, fühle ich mich ein bisschen wie in Bamberg.
Ein bisschen kleinstädtisch ist es, aber doch sehr multi-kulti, mit allen Vor- und Nachteilen.
Dennoch ist Köln an sich eine Großstadt – und eine solche brauchte ich als Kulisse. Unter anderem deswegen, weil ich noch mehr Romane mit der Figur des Raupach plane und das funktioniert einfach besser in einem großstädtischen Umfeld. Da lassen sich ganz andere Themen – in politischer wie gesellschaftlicher Hinsicht – finden als in der Provinz. Die wiederum ist eher Schauplatz für skurrile abseitige Fälle. Aber man kann das nicht verallgemeinern. Wenn es die Geschichte erfordert, schicke ich Raupach künftig auch mal aufs platte Land.


Aber was ist mit München? Auch das ist eine Großstadt und auch dort gibt es eine U-Bahn …

Die U-Bahn in München ist Horror – die in Köln eine wahre Wonne.
Die Bahnen der KVB (die ja zum Großteil überirdisch fahren) kommen meist im Zwei- bis Dreiminutentakt; man ist damit super schnell am Ziel.
In München hingegen dauert es Ewigkeiten, die Bahn ist komplett unterirdisch, man muss ellenlange Strecken unter der Erde zurücklegen, wenn man umsteigen will.


Jetzt bin ich verwirrt: Ist denn nicht U-Bahn gleich U-Bahn?

Oh nein.
Eine „richtige“ U-Bahn hat eine größere Spurbreite, ganz spezielle Wägen, verläuft komplett unterirdisch. Das macht sie zu einem geschlossenen System, das in Regel auch leichter zu überwachen ist.

Wow, Sie wissen ja eine ganze Menge über den technischen Aspekt …

Ich habe das Glück, dass ein guter Freund Anlagenbauer bei Siemens ist und sich mit dieser Materie auskennt. Der hat mich informiert.
Auch in anderer Hinsicht hatte ich gute Berater: Meine Lektorin stammt aus Köln und konnte mir so manchen guten Rat geben. Für eine Dialektpassage haben wir uns allerdings den Segen der „Akademie för uns kölsche Sproch“ geben lassen. Auf diesem Wege herzlichen Dank!


Nachdem wir jetzt geklärt hätten, warum Köln der Schauplatz Ihres Romans ist, lassen Sie uns einen Blick auf die Figuren werfen.
Der Held ist ein Mann in den Vierzigern, der privat und beruflich nicht eben auf der Sonnenseite des Lebens steht – zumindest nicht am Anfang des Buches.
Warum haben Sie sich keinen jungen, gut aussehenden Kommissar ausgedacht, mit Schlag bei den Frauen?

Mir war wichtig, dass sich meine Figur erst „freischwimmen“ musste. Raupach fängt ja nicht als Leiter der Ermittlungen an, sondern muss sich erst rehabilitieren wegen eines früheren Fehlers. Außerdem habe ich ein Faible für „Underdogs“ – nicht deswegen, weil diese manchmal so sympathisch wirken, sondern weil sich an ihnen ein Entwicklungsprozess zeigen lässt. Ein strahlender Held ist trivial – ich wiederum möchte lieber einen modernen Sisyphos im Zentrum meiner Bücher haben, einen der nicht wirklich „ankommt“. Kein Fall ist ganz abschließbar, der nächste beginnt gleich im Anschluss, viele Verbrechen gelangen nie zur kompletten Auflösung.


Sie haben sich bei der Wahl Ihrer Figur also nicht an Typen wie John Rebus (dem Protagonisten der Romane von Ian Rankin) orientiert?

Nein, von Rankin habe ich bisher noch nichts gelesen.


Welche Autorenkollegen stehen dann in Ihrem Bücherschrank?

Mein Problem ist wahrscheinlich, dass ich zu wenig Krimis lese – und wenn, dann immer dieselben.
Fred Vargas mag ich sehr. Und Karin Fossum. Die Perspektive von Tätern bzw. Verdächtigen finde ich ganz wichtig in einem Kriminalroman. Patricia Highsmith ist darin unerreicht. Wer genau hinschaut, findet die berühmte Spiegel-Szene aus dem ersten Ripley-Band in stark abgewandelter Form im „Vierten Mörder“ wieder, als kleine Hommage an Highsmith. Allerdings schaut nicht der Täter, sondern der Ermittler in den Spiegel ...


Zurück zu IHREM Helden: Gibt es da autobiographische Elemente?

Sagen wir mal so: Er ist so alt wie ich und auch die Tätigkeit im Archiv kenne ich aus eigener Erfahrung. Während meiner Studentenzeit habe ich Zeitungsausschnitte archiviert und fühlte mich buchstäblich unter Aktenordnern begraben. Am Anfang ist Raupachs Karriere im Keller, deshalb sitzt er auch im Untergeschoss des Polizeipräsidiums. Wobei hier die Analogie zur U-Bahn eine durchaus beabsichtigte ist.


Die rechte Hand des Protagonisten ist eine junge Polizistin griechischer Abstammung, auch hier die Frage:
Warum kommen ihre Eltern nicht aus Italien? Der Türkei? Russland? Polen?
Haben Sie eine besondere Affinität zu Griechenland?

Ich hatte Alt-Griechisch in der Schule, das war ein schöner Luxus. Ein wenig davon konnte ich sogar auf meinen Griechenland-Reisen anwenden, wobei die Aussprache am schwierigsten hinzukriegen ist.
Raupach denkt oft über Mythen und antike Geschichte nach, weil dort die Ursprünge dessen liegen, was unsere Kultur bis heute bestimmt. Das Drama „König Ödipus“ ist, wenn man so will, der erste Krimi: Ödipus ermittelt unwissentlich gegen sich selbst. Da Raupach aber Rationalist ist, liegt ihm die römische Kultur mehr. Er versucht ganz bewusst, pragmatischer zu werden.
Dem wollte ich nun das „griechische“ Element gegenüberstellen; Helden wie Odysseus oder auch der oben erwähnte Sisyphos, die durch List zum Ziel kamen. Die junge Polizistin Photini steht für Impulsivität und Emotionen. Den Namen habe ich mir von einer Kellnerin aus Kalamata „geborgt“ – außerdem habe ich eine gute Freundin, die aus Griechenland stammt, mit der ich mich bei Bedarf austausche.


Neben umfangreichen Schiller-Zitaten kommt auch Homer zu Wort.
Ist das ein Hinweis auf Ihre klassische (Aus-) Bildung?
Ein persönliches Steckenpferd?
Oder ein bewusst eingesetztes dramaturgisches Mittel?

Nun, zunächst einmal mag ich Literatur – schließlich habe ich ja auch Germanistik studiert. Das Gedicht von der „Glocke“ ist mir ins Auge gefallen, als ich den Plot meines Romans plante und ich dachte gleich, dass sich der Text gut für eine schicksalsschwere Drohung benutzen lässt. Das habe ich also bewusst eingesetzt.
Die „Glocke“ ist Allgemeingut, viele Wendungen daraus sind sprichwörtlich geworden. Und von Schiller stammt wiederum der erste deutsche Krimi „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“. Auch Schiller ist (wie Köln) eine ideale Mischung: einerseits Bildung, Geschichtsträchtigkeit, andererseits handlungsstarke Dramen, Action, Intrigen der Mächtigen.


Es werden in „Der vierte Mörder“, das darf man verraten, Musiker gewaltsam vom Leben zum Tod befördert.
Welche Musik mögen Sie persönlich am liebsten?

Ich liebe Sophie Zelmani und andere Singer/Songwriter, aber auch die Filmmusik von Angelo Badalamenti oder Yann Thiersen.


Und die obligatorische letzte Frage: Wie geht es mit Raupach weiter? Wird er noch häufiger ermitteln?

Wie ich schon sagte – es sind definitiv weitere Fälle geplant.
Dazu gibt es auch schon ein Exposé. Gerade schreibe ich eine Weihnachtserzählung mit Raupach und Photini, die man sich bald im Krimi-Download-Portal von „Jokers“ herunterladen kann.


Das sehr angenehme Interview führte Chefredakteurin Michaela Pelz
(Oktober 2006)

(Foto: Cornelia Daig-Kastura)