thomaskastura.de: Glossen: Ralph Waldo Emerson und Europa

Ralph Waldo Emerson und Europa

Zum 200. Geburtstag des amerikanischen Dichters und Philosophen Ralph Waldo Emerson am 25.5.2003 (B2 Kultur)

Bild"Amerika ist Gottes letzter Versuch, die Menschheit zu retten." Dieser Satz stammt nicht von einem religiösen Fanatiker oder einem übergeschnappten Präsidenten, sondern von Ralph Waldo Emerson. Er gilt als der erste Philosoph Amerikas, der internationales Ansehen genoss, und als einer der Väter der amerikanischen Kultur. Im Jahre 1847 kam er zu einer Reihe von Vorträgen nach Europa. Zuvor hatte er noch getönt: "Wir haben schon zu lange den höfischen Musen Europas gelauscht. Wir werden auf unseren eigenen Füßen gehen. [...] Zum ersten Mal wird eine Nation von Menschen existieren, weil jeder einzelne sich von der göttlichen Seele inspiriert fühlt, die alle Menschen inspiriert."

Doch in England trat Emerson gemäßigter auf. Er hatte Europa schon zehn Jahre früher bereist, war bei Coleridge und Wordsworth zu Gast gewesen und hatte mit dem Reformer Thomas Carlyle Freundschaft geschlossen. Beeinflusst von dem schottischen Puritanismus, der englischen Romantik und dem deutschen Idealismus verfasste er seine ersten philosophischen Schriften. Als er dann ein zweites Mal nach Europa kam und Vorlesungen über Plato, Shakespeare, Napoleon und Goethe hielt, war er in seiner Heimat bereits ein überaus populärer Redner. Er hielt im ganzen Land Vorträge und begründete zusammen mit seinem Schüler Henry David Thoreau die Denkrichtung des amerikanischen Transzendentalismus. Seinem englischen Publikum präsentierte er sich Mitte des 19. Jahrhunderts weltoffen:

"Jedes Experiment, das einen sinnlichen oder selbstsüchtigen Zweck verfolgt – ob es von Massen oder von einzelnen unternommen wird – muss fehlschlagen. Der friedliche Fourier ist am Ende ebenso machtlos wie der furchtbare Napoleon. Solange unsere Zivilisation in der Hauptsache sich auf Eigentumsrechte, auf Einzäunungen und Absperrungen stützt, wird sie immer das Opfer von Enttäuschungen sein. Unsere Reichtümer werden uns krank machen, in unserem Lachen wird Bitterkeit sein, und unser Wein wird uns den Mund verbrennen. Nur von solchen Gütern können wir wahren Nutzen haben, die wir bei offenen Türen genießen können und die der gesamten Menschheit dienen."

Das klingt schon gar nicht mehr fanatisch, nationalistisch oder übergeschnappt, sondern aufgeklärt und antimaterialistisch. Dennoch ist ein gewisser Missionierungsdrang unüberhörbar, der Wunsch nach einem harmonischem Weltganzen sowie der pastorale Tonfall eines Moralisten. Dies hat seinen Ursprung in Emersons Biografie. Als Sohn eines Geistlichen wurde er am 25. Mai 1803 in Boston geboren. Er studierte in Harvard, betätigte sich danach als Privatlehrer und erhielt 1826 die Approbation zum Prediger. Emerson gehörte der liberalen protestantischen Kirche der Unitarier an. Nachdem er jedoch auf dem Höhepunkt einer Glaubenskrise von seinem Priesteramt zurückgetreten war, veröffentlichte er 1836 die philosophische Abhandlung "Natur" . Es folgten mehrere, an Montaigne geschulte Essays . Mit plakativen Titeln wie "Selbstvertrauen", "Intellekt" oder "Freundschaft" bilden sie den Kern von Emersons Werk und gelten als geistige Unabhängigkeitserklärung Amerikas. Auf Nietzsche übten sie wegen ihres unbefangenen Subjektivismus großen Einfluss aus. Emerson erhob die eigene Urteilskraft zum Maß aller Dinge und verwarf die Wissenschaft: "Stelle dich auf dich selbst; ahme niemals nach. In deine eigenen Gaben kannst du in jedem Augenblick die gesammelte Kraft deiner ganzen Lebensarbeit legen, aber von dem angenommenen Talent eines andern hast du immer nur einen improvisierten und halben Besitz."

Da seine Schriften von akademischen Kreisen zunächst abgelehnt wurden, entwickelte sich Emerson zum Nonkonformisten. Er trat vehement für die Abschaffung der Sklaverei ein und unterstützte die sozialen Reformer. Im Jahre 1850 fasste er seine in Europa gehaltenen Vorträge unter dem Titel "Repräsentanten der Menschheit" zusammen. Es folgten weitere Essaysammlungen und Vorlesungsreihen. Daneben verfasste er zahlreiche Gedichte, von denen einige zu den großen Werken der amerikanischen Literatur gezählt werden. Sie genossen ebenso hohes Ansehen wie sein philosophisches Werk, sind aber bis heute auch ebenso umstritten. Bei Emerson vermengte sich Philosophie mit poetischer Haltung und religiösem Bekenntnis. Diese Mischung wirkt häufig trivial und unausgegoren. Manchmal erscheint sie aber auch wie schlichte, zur Reife gelangte Weisheit: "Wir lernen unser ganzes Leben hindurch die eine Wahrheit, dass sich um jeden Kreis ein zweiter ziehen lässt, dass es in der Natur keinen Abschluss gibt, sondern dass jeder Abschluss ein neuer Anfang ist, dass aus jedem Mittag sich eine neue Morgenröte erhebt und unter jeder Tiefe noch tiefere Tiefen sich öffnen."

Doch der poetische Schein trügt. Emerson drang in die Tiefen, von denen er hier sprach, kaum vor – anders als etwa Kierkegaard , der die Skrupel des Ichs mit psychologischer und dialektischer Subtilität zum Vorschein brachte. Vielmehr verstand er sich als "endloser Sucher, der keine Vergangenheit im Rücken hat" und somit auf Geschichtsphilosophie und andere Wissenschaften verzichten könne. Eine unvollständige Theorie sei durchdachten Systemen vorzuziehen, eine Vermutung sei fruchtbarer als eine unbestreitbare Bestätigung. Emerson war lediglich an einer Philosophie des Geistes interessiert, die er nicht mit Hilfe logischer Reflexion, sondern mittels einer religiös gefärbten Intuition zu ergründen versuchte. Seine Philosophie war ein Idealismus des moralischen Gefühls, nicht einer der Erkenntnis wie bei Hegel, von dessen "Phänomenologie des Geistes" Emerson nur ein oberflächliches Wissen hatte. Er sprach im Ton der Verkündigung, ohne Prämissen oder Konsequenzen dazulegen, ohne sich einer besonderen Terminologie zu bedienen oder logische Beweisführungen anzutreten. Auf die junge amerikanische Nation wirkte das anziehend, vor allem wenn das alte Europa dabei schlecht wegkam.

"Der Amerikaner, der in seinem Lande auf Gebäude beschränkt ist, die nach fremden Mustern entworfen sind, ist überrascht, wenn er das York-Münster oder den Petersdom in Rom betritt und dort empfindet, dass auch diese Bauwerke Imitationen sind – blasse Nachbildungen eines unsichtbaren Urbildes." Im Grunde waren Emersons Vorträge und Texte räsonnierende Predigten. Sie sollten weniger der Einsicht, als der Erbauung dienen. Sein Glaube an einen sittlichen Grundplan der Welt verschleierte antiintellektuelle Tendenzen. Darüber hinaus ließ er seinen Betrachtungen oft pragmatische Appelle folgen. Er setzte das Handeln über das Erkennen und nahm für diese voluntaristische Sicht der Welt deutliche Anleihen bei Schopenhauer , wenngleich er von dessen komplexer Systematik weit entfernt war.

"Nur dort kann eine vorwärtsstrebende Kraft entstehen, wo der Mensch sich ganz und gar in Willen umsetzt, in der Art, dass der Wille ihn macht und er den Willen macht. [...] Du musst dir dein Werk wählen; du musst dir das aussuchen, was dein Gehirn kann, und alles andere zum Teufel werfen. Nur so kann jener Überschuss an Lebenskraft sich ansammeln, der nötig ist, damit der Schritt vom Wissen zur Tat vollbracht werden kann." Aphoristische Aufrufe zu einem uneingeschränkten Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, seien sie auch unzulänglich und beschränkt, haben heute wie vor hundertfünfzig Jahren großen Zulauf. Emerson wurde denn auch schon als Prophet geehrt, bevor er 1882 in seinem Wohnort Concord an den Folgen einer Lungenentzündung starb. Für die USA ist der Einfluss seines unkonventionellen Denkens gar nicht hoch genug einzuschätzen. Er wird so häufig zitiert wie hier zu Lande Kant oder Hegel. Englische und amerikanische Philosophielexika widmen ihm ausführliche Artikel, während er in den einschlägigen deutschen und französischen Nachschlagewerken kaum Erwähnung findet. Dabei hätte das alte Europa derzeit mehr als genug Anlass, Emerson zu lesen. Seine Schriften tragen ungemein zum Verständnis der amerikanischen Politik und Gesellschaft bei.

"Wir wissen ganz genau, dass wir alles in uns haben. Aber wir gehen nach Europa, wir suchen berühmte Persönlichkeiten auf, wir lesen Bücher in dem festen Glauben, dass diese es aus uns herauslocken und es uns enthüllen werden. Lauter armseliger Kram. Die Persönlichkeiten sind genau so wie wir, Europa ist ein altes, fadenscheiniges Leichengewand, die Bücher sind Gespenster. Weg mit diesem ganzen Götzenkult! Schluss mit diesen Betteleien!"

Solche Sottisen sind bis zu einem gewissen Grad verständlich, da sich Amerika im 19. Jahrhundert von Europa abgrenzen wollte, man denke nur an die Monroe-Doktrin, die jede Einmischung europäischer Staaten in amerikanische Angelegenheiten verbat. Als Emerson seine Essays veröffentlichte, dehnten die USA ihr Territorium gerade um die Staaten des Mittleren Westens sowie um Texas, Oregon und Kalifornien aus. Eine Erweiterung des amerikanischen Einflussbereiches geht häufig mit antieuropäischen Tönen einher. Sie sind Teil einer grobschlächtigen Abwertungsrhetorik, derer sich der amerikanische Nationalismus seit der Gründung der Republik bedient. Donald Rumsfeld hat diese Rhetorik in den Monaten vor dem Irak-Krieg aufgegriffen. Bei Emerson taucht sie auch in anderem Zusammenhang auf:

"Hänge kein trauriges Bild an deine Wand und beflecke deine Reden nicht mit schwarzer Schwermut. Sei kein Zyniker und kein Prediger der Trostlosigkeit. Jammere und wehklage nicht. Lasse alle verneinenden Reden. Belebe uns durch unaufhörliches Bejahen. Erschöpfe dich nicht in Kritteleien und kläffe nicht gegen das Schlechte, sondern erzähle uns von der Schönheit des Guten."

Drei grundsätzliche Aspekte von Emersons Philosophie lohnt es besonders in den Blick zu nehmen, da sie bis in die Gegenwart fortwirken. Zum einen ist es, wie eben gehört, Emersons These von der Souveränität der Persönlichkeit, vom unabhängigen Menschen, der nur sich selbst Rechenschaft schuldig ist und in dessen Augen alle Skeptiker kleinmütige Spötter sind. Zum anderen ist es Emersons populistische Sprache, die in geradezu inflationären Ausmaß Symbole, Metaphern und Vergleiche heranzieht. Damit wollte er seine Thesen in allgemeinverständliche, lebenspraktische Kategorien bringen und ihnen einen unmittelbaren Gebrauchswert verleihen. Hinzu kommt Emersons emanzipatorischer Messianismus, der in dem Diktum gipfelt, Amerika sei Gottes letzter Versuch, die Menschheit zu retten.

Ein moralisierender Hegemonieanspruch war in den USA von Anfang an weit verbreitet. Schon Benjamin Franklin hatte erklärt, das Anliegen der Vereinigten Staaten sei das Anliegen der Menschheit. Dieses frühnationale Selbstverständnis verband sich mit dem Glauben an einen Missionsauftrag: Gott habe Amerika zur Verwirklichung seines besten Plans bestimmt. Die Vorstellung von der überlegenen Musterhaftigkeit und der revolutionären Bestimmung der USA war seit der Revolution auch fundamental religiös geprägt. Sie nahm im Laufe des 19. Jahrhunderts säkularisierte Züge an, etwa im Bild Amerikas als verwirklichte Sozialutopie. Doch zugleich blieb ein calvinistisches Prädestinationsbewusstsein lebendig, das so genannte "Manifest Destiny" . Danach sei Amerika vom göttlichen Schicksal zur Dominanz auf dem Kontinent und in der Welt ausersehen und ein Wegbereiter des künftigen Himmlischen Jerusalems.

In immer neuen Varianten, aber mit ähnlichen Grundelementen verfolgten US-Präsidenten die Errichtung einer neuen Weltordnung unter amerikanischer Hegemonie, von Wilson über Roosevelt bis Kennedy. Der wenig fromme Ronald Reagan verlieh dem Missionsauftrag von "God's own country" schließlich wieder einen explizit biblischen Anstrich, indem er die Sowjetunion als "Reich des Bösen" verdammte. Und von Reagan ist es nur ein Schritt zum jüngeren Bush, der in seiner Regierungsmannschaft zahlreiche reaktivierte Reaganisten versammelt hat und den Begriff von der "Achse des Bösen" prägte. Die heutigen Neokonservativen agieren zwar mit einem unterschiedlichen Primat. Aber ob Kreuzzügler oder Falken, ob Idealisten, Nationalisten oder Realisten – zwischen ihrer und Emersons Sicht der Welt gibt es verblüffende Übereinstimmungen. Vor allem die Außenpolitik der Bush-Regierung verrät eine Denktradition, für die auch ein Liberaler wie Emerson den Grundstein gelegt hat, zum Beispiel in seinem Essay über das Selbstvertrauen:

"Heute sprich in scharfen Worten aus, was du heute denkst, und morgen sprich in ebenso scharfen Worten aus, was du morgen denkst, auch wenn es in jedem Punkte dem widerspricht, was du heute gesagt hast. – 'Ach, dann wirst du aber sicher missverstanden werden.' – Aber ist es denn so schlimm, missverstanden zu werden? Pythagoras wurde missverstanden, und Sokrates wurde missverstanden und Jesus und Luther und Copernicus und Galilei und Newton und jeder weise und reine Geist, der jemals Fleisch und Blut geworden ist. Groß sein, heißt missverstanden werden."

Dieser Ausdruck von Hybris, der auch in Zusammenhang mit Emersons Heroenkult eine Rolle spielt, erinnert an die Bedenkenlosigkeit, mit der die amerikanische Politik in den vergangenen Monaten völkerrechtliche Bedenken in den Wind schlug und für den geplanten Irak-Krieg immer neue, teils widersprüchliche oder unhaltbare Gründe lancierte. Doch zunächst führt das Zitat zur Grundthese von der Souveränität der Persönlichkeit. Sie kehrt vergröbert in der amerikanischen Lebenshilfe-Literatur wieder, die das "positive Denken" als Allheilmittel für den täglichen struggle for life propagiert. Emerson-Schüler veröffentlichten schon um 1900 zahlreiche erbauliche Ratgeber, die einen radikalen Voluntarismus propagieren. Danach walte hinter allem Geschehen ein göttlicher Wille. Das Geheimnis eines glücklichen und reichen Lebens liege in dem Einklang des menschlichen Willens mit diesem All-Willen. Bei Emerson klang das so:

"Unser Handeln aus eigenem Antrieb ist immer das Beste. Mit der besten Überlegung und Achtsamkeit kommst du nicht so dicht an irgendein Problem heran, wie ein spontaner Blick dich heranführen kann, wenn du dich von deinem Bette erhebst, oder wenn du am Morgen im Freien wanderst, nachdem du über die Sache am Abend zuvor vor dem Schlafen meditiert hast. Unser Denken ist ein frommes Empfangen."

Emerson hatte sich von der offiziellen Theologie und kirchlicher Formelhaftigkeit abgewandt. Er sprach selten ausdrücklich von Gott. Stattdessen konstruierte er den Begriff von der All-Seele (Over-Soul), die er später als Weltseele (universal soul) bezeichnete. Damit ist eine spirituellen Einheit allen Seins gemeint, an der das Individuum durch sein schöpferisches Selbstvertrauen (Self-Reliance) teilhat. Mit "Mut und Selbstvertrauen", so George W. Bush in einer Rede in Nashville am 10. Februar 2003, werde die amerikanische Nation zwei göttliche Herausforderungen angehen: ihr Land verteidigen und die Welt zum Frieden führen. Im Gegensatz zu Emerson ruft Bush, der sich als wiedergeborener Christ betrachtet und der methodistischen Kirche angehört, unverblümt Gott als höhere Instanz an. Er ist überzeugt davon, dass Gott ihn in diesen geschichtsträchtigen Zeiten sein Amt versehen lässt, und dass Amerika eine spirituelle Erneuerung brauche.

Ein Sinken der Religiosität machte auch Emerson als Schwäche seiner Zeit aus. Er warb für ein pantheistisches Christentum, gab aber keiner bestimmten Religion oder Konfession den Vorzug. Bei der Vielfalt des evangelikalen Protestantismus Nordamerikas verwundert das nicht. Auch die Doktrin des positiven Denkens, die sich in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts herausbildete und Emersons ohnehin ziemlich schwammigen Transzendentalismus zur platten Lebensphilosophie auswalzte, legt sich auf keinen spezifischen Gottesbegriff fest. Ob sie nun esoterisch daherkommt wie bei Joseph Murphy, pragmatisch wie bei Dale Carnegie oder mit einem religiösen Hintergrund wie bei dem Pfarrer Norman Vincent Peale – um die drei großen Motivationspäpste Amerikas zu nennen – Emerson ist zweifellos ihr Ahnherr. "Quäle dich nicht mit Gedanken ab, sondern gehe an dein Geschäft. Das Leben ist nicht intellektuell, sondern greift handfest zu. Menschen, in denen die Lebenskräfte gut gemischt sind und die sich ohne viel Fragerei an allem erfreuen, was sie finden: denen hat das Leben sein Bestes zu bieten."

Das positive Denken dient der Einübung von Entschlusskraft, Zielstrebigkeit, Selbstbewusstsein und allgemein einer lebensbejahenden Grundhaltung. Daran ist prinzipiell nichts auszusetzen, im Gegenteil. Um aber diese Eigenschaften, die viele Europäer an dem "american way of life" zurecht bewundern, für sich selbst zu erlangen, propagiert Emerson einen Egoismus, der das eigene Wohl über das Wohl der Gemeinschaft stellt. Manchmal bricht dabei eine befremdliche Misanthropie hervor.

"Die Menschen leisten ihre so genannten guten Handlungen, diese vermeintlichen Heldenstücke von Mut und Barmherzigkeit, mehr in der Art, in der man ein Strafgeld für unbefugtes Fernbleiben von der Parade entrichtet. Sie sehen in diesen Werken eine Art beschönigende Entschuldigung für die Tatsache, dass sie auf der Welt sind – wie etwa Invalide und Irrsinnige ein hohes Kostgeld zahlen. Ihre Tugenden sind Bußgelder. Ich wünsche aber nicht Buße zu tun, sondern zu leben. Mein Leben ist für sich selber da und nicht für irgend eine Schaustellung."

Reines Zweckdenken offenbart sich auch in der Macht- und Interessenpolitik, die Hardliner wie Donald Rumsfeld und Richard Cheney betreiben. Anders als befreiungstheologisch angehauchte Missionare wie George W. Bush scheinen sie einen demokratischen Umbruch der islamischen Welt nur als propagandistischen Vorwand zu benutzen, um hegemoniale Interessen wie politische Machtausdehnung und Ressourcenkontrolle durchzusetzen. Rhetorisch äußert sich das in einem selbstherrlichen Unilateralismus, der – ebenso wie das "positive Denken" – auf Komplexität und Differenzierung bewusst verzichtet: Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Kritiker aus dem eigenen Land werden dann als Vaterlandsverräter gebrandmarkt und europäische Kriegsverweigerer als rückständige Querulanten abgekanzelt. Schon Emerson gab eine recht eigenwillige Definition des Skeptizismus:

"Dies ist also der richtige Standort für den Skeptiker: Betrachtung, Zurückhalten des Urteils. Keineswegs aber will er Unglauben, prinzipielles Neinsagen, prinzipiellen Zweifel, Zweifel sogar am Zweifel, und am allerwenigsten will er lästern, verspotten und alles Gute und Tüchtige heruntermachen. [...] Er ist der Beobachter, der Weltkluge, der sein Segel einzieht, sein Kapital überschlägt und mit seinen Mitteln haushält, denn er denkt sich: der Mensch hat zu viele Feinde, als dass er in der Lage wäre, auch noch sein eigener Feind zu sein [...]."

Der europäische Skeptizismus, der hier in die Schranken gewiesen wird, steht im fundamentalen Gegensatz zur puritanisch-aufklärerischen Utopie Nordamerikas. Seine oft pessimistische Grundauffassung, dass man Konflikte nur einhegen und zeitweilig zähmen könne, widerspricht dem amerikanischen Glauben an eine finale Lösung aller Probleme. Für die Bush-Regierung besteht diese Lösung in einer neuen Weltordnung unter US-Dominanz und unter der Vormundschaft des amerikanischen Freihandels. Selbst bei Erreichen eines Zwischenziels wie dem Sturz des Saddam-Regimes verkündet Bush vollmundig "mission accomplished" wie kürzlich bei seiner Siegesrede auf dem Flugzeugträger U.S.S. Abraham Lincoln. Die Vorstellung von einem paradiesischen Endzustand schließt außerdem die Vertilgung des Bösen ein. Auch Emerson hing der fatalen Neigung der Amerikaner an, die Welt in Gut und Böse zu unterteilen: " Wenn das Gute da ist, dann auch das Böse, wenn die Anziehung, dann auch die Abstoßung, wenn die Kraft, dann die Beschränkung. So ist das Universum belebt. Alle Dinge sind moralisch."

Um seine Anhänger für den ewigen Konkurrenzkampf von Gut und Böse fit zu machen, hat die Doktrin des "positiven Denkens" eine Art kategorischen Imperativ geprägt: Der Mensch müsse sich selbst, und zwar nicht nur sein äußeres Verhalten, sondern bereits sein inneres Bewusstsein, als Ware in den Prozess der Produktion und Konsumtion einbringen. Für die Vermarktung der eigenen Person müsse man seine innere Distanz, seine Zweifel gegenüber der Dingwelt aufgeben, sie restlos bejahen und jeden kritischen Gedanken als negativ verdammen. In der US-Gesellschaft ist dieser Imperativ zum Konsens geworden. Emerson leistete auch hier Vorarbeit, obwohl er sonst ein überzeugter Antimaterialist war:

"Die kaufmännische Ökonomie ist es grobes Sinnbild der seelischen Ökonomie. Wir sollen danach trachten, unsere Kraft zu vermehren und nicht unsere Vergnügungen. Sein Einkommen ins Geschäft stecken heißt so viel wie: Einzelinteressen in Allgemeininteressen aufgehen lassen, Tage in Lebensabschnitte, seine Anlagen immer mehr vergrößern. Der Kaufmann hat nur einen Grundsatz: Einnehmen und Anlegen; er muss Kapitalist sein. [...] Dies ist das richtig verstandene Interesse: das Kapital verdoppeln, vervierfachen, verzehnfachen – der Mensch zu seinen höchsten Machtmöglichkeiten gesteigert."

Wie viele Vergleiche Emersons, der alle möglichen Analogien etwa mit Alltagsgegenständen, mit der Tier- und Pflanzenwelt oder historischen Ereignissen herstellte, steckt dieses Bild voller Widersprüche. Aber es hat Methode und ist weit entfernt von einem harmlosen, volkstümlichen Symbolismus. Ausgehend von seiner Polaritäts- und Identitätslehre entwickelte Emerson eine Theorie der Entsprechung (correspondence). Danach versinnbildlicht jedes Auffinden kleinerer Entsprechungen die große Entsprechung zwischen Natur und Geist. Die Geistesgesetze entsprechen nicht nur den Naturgesetzen, sie sind zugleich Sittengesetze. Emerson verstand die Welt als Geflecht von Symbolen mit göttlichem Ursprung. Wer in der Lage sei, diese Symbole aufzuschlüsseln, verfüge nicht nur über ein tieferes Verständnis der Welt, sondern auch über eine moralische Deutungshoheit.

"Der Künstler aber muss diejenigen Symbole verwenden, die zu seiner Zeit und seiner Nation gebräuchlich sind, um seinen erweiterten Sinn seinen Mitmenschen dazustellen. [...] In dem Maße, wie der geistige Wesenszug der Zeit den Künstler überwältigt und in seinem Werk Ausdruck findet, wird es immer eine gewisse Größe an sich haben, und zukünftigen Betrachtern das Unbekannte, das Unvermeidbare, das Göttliche zeigen."

Diese "Geniereligion" ist zutiefst antiaufklärerisch und leistet einem elitären Kastendenken Vorschub. Vor allem aber wirft sie ein bezeichnendes Licht auf den Gebrauch von Vergleichen, die momentan wie Pilze aus dem Boden schießen. Bekanntestes Beispiel: der Saddam-Hitler-Vergleich. Hans Magnus Enzensberger warf ihn schon Anfang der 90-er Jahre in die Debatte. Die Bush-Regierung machte ihn schließlich zum festen Bestandteil ihrer kriegsvorbereitenden Rhetorik. Offenbar verlangen epochale Zeiten nach Deutung, und die kann ein Vergleich durchaus bieten, wenn er auf Unterschiede ebenso viel Wert legt wie auf Ähnlichkeiten. Er kann auch einfach ein geistreicher Denkanstoß sein.

"Dadurch wird die Vergangenheit wiederhergestellt und durch Einbalsamierung geschützt. Eine Kunst, besser noch als die der alten Ägypter, hat sie der Furcht und Vergänglichkeit entrückt. Was bleibt, gehört der Wissenschaft. Was sich an unsere Betrachtung wendet, hat nichts Drohendes mehr für uns."

Doch historische Vergleiche wie der zwischen Saddam und Hitler dienen oft weniger dem Erkenntnisgewinn, als der Bestärkung und Rechtfertigung zweifelhafter Thesen, ja sie sind geradezu ein Erkenntnisgift, da alle Ereignisse einzigartig und prinzipiell unvergleichbar sind, wie Gustav Seibt jüngst treffend dargelegt hat. Darüber hinaus, und hier stehen sich Emerson und Teile der Bush-Regierung wieder sehr nahe, erweisen sich Vergleiche häufig als brachiale Vereinfachung. Wenn sie lästige Widersprüche ausblenden, weil sie nicht ins Bild passen, wenn sie nur auf einige wenige Aspekte einer Problemstellung abzielen, wenn sie mühsame Begründungs- und Überzeugungsarbeit verkürzen oder ersetzen sollen, dann erfüllen Vergleiche meist nur noch propagandistische Zwecke. Meist legen sie dann auch Patentrezepte nahe in der Hoffnung, es gebe eine Gesetzmäßigkeit, die bestimmten historischen Verläufen zugrunde liege und aus der sich ein kausales Handlungsschema ableiten ließe.

Das ist in ein alter Traum der Menschen, und auch Emerson war dieser Überzeugung. Doch er ging, wie bereits erwähnt, noch einen Schritt weiter. Wer die großen Entsprechungen zwischen Natur und Mensch durchschaut und mit sinnfälligen Vergleichen erläutert, erwerbe einen erhöhten moralischen Stand und sei über jeden Zweifel erhaben. In seinem fragwürdigsten Essay, der den Heroismus zum Thema hat, heißt es: "Selbstvertrauen ist das Wesen des Heroismus. Er ist der Kriegszustand der Seele, und seine letzten Gegenstände sind die Verachtung der Falschheit und des Unrechts, und die Kraft, alles zu ertragen, was die Mittler des Bösen auferlegen. Er spricht die Wahrheit, er ist gerecht, großmütig, gastfreundlich, maßvoll, verachtet kleinliche Berechnungen und die Verachtung, die ihm zuteil wird."

Von diesem Bewusstsein scheinen auch die Neokonservativen der US-Regierung getragen zu sein. Im Hinblick auf Bushs hollywoodreifen Umgang mit den Massenmedien könnte man zynisch hinzufügen: Wer den publikumswirksamsten Vergleich ausstreut und auch noch in Heldenpose auftritt, ist zwingend im Recht. Und wer im Recht ist, so Emerson, ist auch ein Werkzeug Gottes. "Denn der Weltgeist ist ein guter Schwimmer, und Stürme und Wogen können ihn nicht ertränken. Durch Jahre und Jahrhunderte, durch schlechte Helfer, durch Narrentrug und Zerfall der Atome strömt unerschütterlich eine große und wohltätige Absicht."

Emersons Werk ist durchzogen von einer fast naiven Ambiguität: einerseits radikaler Subjektivismus, andererseits der Glaube an eine gütige Vorsehung, die schon alles richten werde. Aber bei aller Kritik an seiner unorthodoxen Art zu Denken darf man nicht vergessen, dass er für liberale Grundrechte und Werte eintrat, für die Freiheit des Einzelnen. für Gleichheit und Aufrichtigkeit. Er wandte sich gegen die rücksichtslose Ausbeutung und die Entfremdung von der Natur. Sicherlich war er alles andere als ein kriegstreiberischer Nationalist oder bigotter Fundamentalist. Seinen Landleuten hat er einige unbequeme Mahnungen ins Stammbuch geschrieben. So verurteilte er den Slogan "Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg" als "seichten Amerikanismus" und warnte vor den Folgen einer zunehmend materialistischen Lebenseinstellung.

Dennoch lässt sich seine Philosophie leicht vergröbern und missbrauchen. Durch seinen Rigorismus hat er dafür die Voraussetzungen geschaffen. In gewisser Weise stellt die gegenwärtige US-Außenpolitik eine Mischung aus liberalen und konservativen Traditionen dar. Die Partei der Demokraten war in Amerika meist für das moralische Gewissen zuständig, während die Republikaner eine harte Interessenpolitik betrieben. Die Bush-Regierung vereint nun Interesse und Moral unter einem Dach, indem sie den konservativen Isolationismus überwand und bedingt durch den 11. September zu einem Interventionalismus überging, der eigentlich immer eine Sache der Demokraten war. Eine Diffusion der politischen Lager begann sich schon im Kalten Krieg abzuzeichnen und lässt sich auch in vielen anderen Bereichen beobachten. Bush versah also die Moral der Aufklärung, jene Triebfeder amerikanischen Sendungsbewusstseins, mit einem religiösen Vorzeichen.

Diese Vermengung betrieb bereits Emerson, wenn auch mit deutlich liberaler Ausrichtung. Doch in einem wichtigen Punkt hebt er sich von den Neokonservativen im Weißen Haus und im Pentagon ab. Zu der Vorstellung von einer finalen Harmonie aller Staaten unter der Ägide eines auserwählten Volkes konnte er sich nicht bewegen lassen. Ultimative Lösungen schienen ihm vermessen: "Alle Versprechungen entziehen sich der Erfüllung. Wir leben in einer Welt, in der alles nur annäherungsweise erreicht wird. Jedes Ziel weist nach einem neuen Ziel, das ebenso vergänglich ist. Einen glatten, abschließenden Erfolg gibt es nirgends."

Zumindest darin war der populärste Philosoph Amerikas ganz Europäer.

© Thomas Kastura

Der Essay wurde am 25.5.2003 vom Bayerischen Rundfunk gesendet.

Literatur:

— Ralph Waldo Emerson: Essays . Erste Reihe, hrsg. u. aus d. Amerikan. übertr. von Harald Kiczka. Zürich: Diogenes 1983. 340 Seiten. 13,90 €

— Ralph Waldo Emerson: Von der Schönheit des Guten . Betrachtungen und Beobachtungen, hrsg., aus d. Amerikan. übertr. und mit e. Vorw. versehen von Egon Friedell, mit e. Nachw. von Wolfgang Lorenz. Zürich: Diogenes 1992. 334 Seiten. 9,90 €

— Ralph Waldo Emerson: Repräsentanten der Menschheit . Sieben Essays, aus d. Amerikan. übertr. von Karl Federn, mit e. Nachw. von Egon Friedell. Zürich: Diogenes 1989. 219 Seiten. 12,90 €

— Ralph Waldo Emerson: Natur , hrsg. u. aus d. Amerikan. übertr. von Harald Kiczka. Mit e. Nachruf auf Emerson von Herman Grimm. Zürich: Diogenes 1982. 152 Seiten. 9,90 €