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Douglas Coupland: Miss Wyoming

Bild John, 37, wäre gern ein unbeschriebenes Blatt. Susan, 28, auch. Sie möchten sich "neu erfinden", was immer so leicht klingt, wenn es Madonna oder Tom Hanks oder irgendein anderer Star mal wieder getan haben. Doch Image ist etwas anderes als Persönlichkeit. Um die zu wechseln, braucht es etwas mehr als eine Diät oder neue Klamotten. John und Susan mussten zu diesem Zweck erst dem Tod ins Auge sehen.

Das sind doch schon mal verbindende Faktoren zwischen zwei Liebenden, die zum Zeitpunkt ihres Aufeinandertreffens noch nicht wissen, was Liebe ist. Die titelgebende Figur Susan ist eine ehemalige Miss Wyoming. Daneben hat sie noch etilche andere Schönheitskonkurrenzen gewonnen, und das, seit sie laufen kann. Denn ihre Mutter Marilyn ist so mediengeil, dass sie ihre Tochter ohne Skrupel in frivole Fummel steckt, ihr Schönheitsoperationen verordnet und auch mal einen Preisrichter erpresst.

Es klappt nicht ganz so, wie es soll: Susan wird zwar ein TV-Serienstar und spielt in ein paar Filmchen mit, will aber von ihrer Mutter nichts mehr wissen. Als ihre Popularität rapide nachlässt, überlebt sie als Einzige einen Flugzeugabsturz. Sie taucht für ein Jahr unter und fängt an, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen.

John ist knapp zehn Jahre älter, aber nicht weiser. Der B-Movie-Produzent hat ein Leben auf der Überholspur geführt. Luxus, Sex, Drogen - alles bis zum Exzess. Als eine simple Grippe sein Immunsystem lahm legt, erscheint ihm Susan in einer Vision, als eine Art TV-Engel, der John zur Einkehr mahnt. Daraufhin zieht er in Jack Kerouac-Manier los und führt ein Jahr lang ein Leben auf der Straße, unter "Nobodys" und anderen Randexistenzen, die der Sunshine-State Kalifornien genauso hervorbringt wie die großen Stars. Danach ist er zwar etwas geläutert, aber pleite und gehörig durch den Wind. Per Zufall begegnet er Susan, der Frau aus seiner Vision. Für beide ist es Liebe auf den ersten Blick. Nach einer verwickelten recherche finden sie zueinander.

So viel Handlung ist man gar nicht gewohnt von Douglas Coupland, der seine "Miss Wyoming"-Story mit zahlreichen Rückblenden auf- und ineinander faltet wie eine Origamifigur. Der gebürtige Kanadier ist einer der besten nordamerikanischen Schriftsteller der Neunziger Jahre. Seine Romane sind Soziogramme im besten Sinne des Wortes. Ob es um die fatalistischen Slacker der Generation X (1994) geht, um emotionslose Yuppies auf unserem Shampoo Planet (1994) oder die Mikrosklaven (1996) der New Economy - Coupland stellt die Gesellschaft stets mit messerscharfem Blick und melancholischem Witz dar, dokumentarisch fast, aber äußerst prägnant und amüsant. Dabei ist er der Alten Welt immer eine Nasenlänge voraus. In Deutschland werden seine Romane immer erst mit ein paar Jahren Verzögerung verstanden - so lange es eben braucht, bis neue gesellschaftliche Trends hier ankommen. Aber er hat ein Problem: Seine ersten Bücher enthalten viel Räsonnement und wenig Handlung. Nach hundert Seiten denkt man sich: Gut, das hab ich jetzt kapiert. Wozu noch weiterlesen?

Der Roman Girlfriend in a Coma (1999) deutete bereits einen Wandel an, den Coupland jetzt vollständig vollzogen hat: Sein metaphernreicher Realismus ist weitgehend der gleiche geblieben, doch plötzlich erzählt er uns auch zusammenhängende Geschichten, nicht nur kleine Blitzlicht-Biografien, sondern eine ausgefeilte Story mit komplexen Figuren. Dabei kommen seine soziologischen Beobachtungen nicht zu kurz, etwa wenn er Einblick in die absurde Subindustrie der Schönheitswettbewerbe gewährt. Oder wenn er Twentysomethings porträtiert, die über ein derart horrendes Spezialwissen verfügen, dass sie für schlichte Freuden des Lebens unempfänglich geworden sind.

So weit, so gut, aber worum geht es eigentlich in "Miss Wyoming"? Den jungen Leuten, so Coupland, werde heute erzählt, dass sie vier oder fünf verschiedene Karrieren haben werden. "Aber was ihnen nicht gesagt wird, ist, dass sie dabei vier oder fünf verschiedene Personen sein werden." Der Drang, sich neu zu erfinden oder ganz von vorn anzufangen, ist zu einem Diktat geworden, sei es auf dem Arbeitsmarkt oder im gesellschaftlichen Leben. Die Frage ist nur: Welche der vielen Rollen, in die unser Ich zerfällt, macht uns auch glücklich?

Tatsächlich müssen wir Angst haben, dass es uns nicht so geht wie den Menschen, "die um den Zeitpunkt, zu dem sie sich ihr erstes teures Möbelstück kaufen, die Fähigkeit verlieren, Freunde zu finden"; oder jenen, die abends zwei weiße Pillen nehmen, um besser schlafen zu können, morgens zwei orangefarbene Pillen gegen den Hunger und sich nach dem Aufwachen nicht mehr an ihre Träume erinnern können; oder, um noch eines von Couplands genialen Bildern zu bemühen: Man fühlt sich verseucht, "als zirkulierten im Blut mikroskopisch kleine Einsamkeitsviren, die wie winzige Angelhaken nur darauf warteten, sich in jemanden zu bohren, der dumm genug war, sich mit ihm einzulassen."

Im Grunde ist es das alte Thema der Moderne: dass ein geschlossener Subjekt-Entwurf nicht mehr möglich sei. Doch für Coupland ist das Konzept freier Individualität keine Chimäre, die sich irgendwann im Zuge der industriellen und digitalen Revolution davongestohlen hat, sondern eine nach wie vor erstrebenswerte Sozialutopie. Familie, Freunde, Liebe - dafür geben seine Figuren einiges auf, zum Beispiel Geld und Ruhm, Einfluss und Beliebtheit. Und da sie alles andere als perfekt sind, tun sie sich verdammt schwer damit.

In seinen früheren Büchern klang das immer nur an. Da jagte ein Gag den anderen, Coupland überbot sich in der Darstellung einer plastikhaften Zukunftswelt, wie sie an der amerikanischen Westküste entstanden ist. Jetzt bildet das trashig-trügerische Tinseltown (für Hollywood) nur den Hintergrund für einen bewegenden Entwicklungsroman. Coup hat sogar, ganz altmodisch, eine Botschaft: Wenn Sie sich das nächste Mal neu erfinden, "sich ständig in neue Feuer stürzen, in dem Verlangen zu brennen, dem Verlangen, sich wieder aus den Kohlen zu erheben, jedes Mal neuer und wunderbarer, immer durstig, immer hungrig", dann sollten Sie es gründlich machen, mit allen Konsequenzen. Am Ende steht - so etwas wie Glück.

© Thomas Kastura




Die Rezension erschien unter dem Titel "Barbies Albtraum" im Rheinischen Merkur vom 13.7.2001

Douglas Coupland: Miss Wyoming. Roman.
Aus d. Amerikan. von Tina Hohl.
Hamburg: Hoffmann und Campe 2001. 336 Seiten. 22,- €


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