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Karin Fossum: Schwarze Sekunden

Die skandinavische Kriminalliteratur bringt sowohl Erfolgsautoren als auch epigonale Meterware hervor. Dazwischen liegt ein weites Feld, in dem so mancher Schatz vergraben liegt, zum Beispiel die Romane von Karin Fossum. Dabei ist die Norwegerin ist längst kein Geheimtipp mehr. Kaum jemandem gelingt es so bewegend und unprätentiös, in die Gedankenwelt von Tätern und Opfern einzudringen – Kategorien, die sich in ihren Krimis ohnehin verwischen. Einfühlsam zeichnet sie ihre Figuren, mühelos wechselt sie die Perspektiven. Das Verbrechen erwächst stets aus dem Alltag.

Dabei entsteht ein Psychogramm dörflicher Gemeinschaft, in dem Klischees keinen Platz haben. Obwohl ihre eindrücklichsten Charaktere unter psychischen Handicaps leiden, sind sie keine stilisierten Monster, sondern Durchschnittstypen. Für ihren sechsten Krimi "Schwarze Sekunden" gilt das ganz besonders.

Wer die Schuld am Tod der zehnjährigen Ida trägt, lässt sich schnell erahnen. Fossum führt ihre Figuren relativ offen und zeigt dadurch die Ursachen für das größte Hindernis jeder Ermittlung: das Schweigen. Individuelle und gesellschaftliche Prägungen sind dabei nicht zu trennen. Zur Lösung des Falles bedarf neben der üblichen Kombiniergabe geradezu therapeutischer Fähigkeiten.

Doch der lakonische Kommissar Sejer und sein jungenhafter Kollege Skarre treten nicht als Superpsychologen oder clevere Trickser auf. Vielmehr gewinnen sie ihre Erkenntnisse durch innere Anteilnahme. Das ändert freilich nichts an der beklemmenden Verkettung unglücklicher Umstände, die Idas Tod zugrunde liegen.

Karin Fossum lebt zurückgezogen in der Nähe von Oslo. Sie hat als Krankenschwester in der Psychiatrie gearbeitet. Die dabei gewonnenen Erfahrungen kommen ihr ebenso zugute wie kriminologische Recherchen. Ein Verhör, meist der Höhepunkt ihrer Romane, ist bei ihr ein Gespräch unter Gleichgestellten. Zu Beichten oder Geständnissen kommt es selten, eher zu Entdeckungen und behutsamen Freilegungen – nicht anders als im Leben, in dem es hin und wieder "Schwarze Sekunden" gibt: Kleinmut, Kontrollverlust, Bevormundung sind die menschlichen Schwächen, um die es hier letztlich geht.

Fossums neuer Roman ist überaus spannend, was auch sonst? Seine Sprache ist schlicht und deshalb eindringlich, der Fall komplex und deshalb interessant, sein Aufbau durchdacht. Bemerkenswert ist, dass sie noch stärker als früher auf emotionale Führung verzichtet. Das macht die Geschichte glaubwürdig, auch realistisch, obwohl dieser paradoxe Begriff in der Literatur nichts verloren hat. Wie lebensnah kann eine gute Tragödie sein? – Eben.

© Thomas Kastura




Die Rezension erschien unter dem Titel "Freigelegte Verbrechen des Alltags" im Fränkischen Tag vom 14.2.2004

Karin Fossum: Schwarze Sekunden.
Aus dem Norweg. von Gabriele Haefs.
München, Zürich: Piper Verlag 2003. 300 Seiten. 18,90 €


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