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Colum McCann: Der Himmel unter der Stadt

Bild "Ich mein, jeder von uns hat ‘ne Geschichte in sich, oder? Ein Mann ist das, was er liebt, und das ist der Grund, warum er es liebt." Die Geschichte, die Colum McCann den beiden Hauptfiguren seines neuen Romans angedichtet hat, spielt in New York City: nicht nur in der Stadt, sondern vor allem unter ihr und für kurze Zeit auch über ihr. Es sind eigentlich zwei Geschichten, die am Ende zusammenlaufen: die Geschichte von Nathan Walker, einem afro-amerikanischen Tunnelarbeiter, und von dessen Enkel Treefrog (Clarence Nathan Walker), einem Obdachlosen, der früher Stahlbauer auf Wolkenkratzern war. Es ist eine Familiensaga mit wenigen Ups und zahlreichen Downs. Der amerikanische Traum erweist sich darin geradezu zwanghaft als Alptraum. Doch Colum McCann (Gesang der Kojoten , 1996 und Fischen im tiefschwarzen Fluß , 1998) hat am Ende seines Tunnels ein Licht aufgestellt.

1916, ganz unten: Bei Erdarbeiten unter dem East River kommt es zu einem spektakulären Unfall. Nathan Walker aus Georgia wird mit einigen anderen Arbeitern vom Tunnel in den Fluß "geblasen". Er überlebt, doch die Leiche von Con O’Leary, einem irischen Einwanderer, ist unauffindbar. Wenige Tage später wird Cons Tochter Eleanor geboren. Mit achtzehn Jahren heiratet sie dann Nathan, den Freund der Familie. Zeit ihres Lebens ist die Ehe Anfeindungen ausgesetzt. "In manchen Gegenden kommt man dafür ins Gefängnis. In manchen Gegenden wird man umgebracht."

So wie Nathan seine Gesundheit für den Aufbau Amerikas ruinierte, geht es seinem Sohn Clarence, der im Korea-Krieg ein Auge verliert. Gerade als der Kriegsinvalide dabei ist, sich mit seiner indianischen Frau Louisa ein Leben aufzubauen, wird seine Mutter Eleanor von einem weißen Rassisten überfahren. Clarence nimmt Rache und erschießt dabei einen Polizisten. Seine Flucht - wir schreiben das 1955 - endet im Leichenschauhaus. Wieder bleibt ein Kind zurück, Clarence Nathan Walker, wieder geht es irgendwie weiter, diesmal hoch in der Luft: Nathans Enkel zieht als Stahlbauer die Wolkenkratzer Manhattans in den Himmel, verdient gutes Geld, gründet eine Familie.

1986, in einem Eisenbahntunnel unter dem Fluß: Nathan, der inzwischen neunundachtzig ist, führt seinen Enkel zu der Stelle, an der vor siebzig Jahren alles begann. Der Alte schwelgt in der Vergangenheit - und wird auf dem Rückweg von einem Zug erfaßt. Der Schock über den Tod des geliebten Menschen - ein durchgängiges Element des Romans - treibt Clarence Nathan Walker in den Wahnsinn. Verlassen von Frau und Tochter wird er zu Treefrog, einem Obdachlosen, der sich im Tunnellabyrinth unter dem Riverside Park ein "Nest" gebaut hat.

Sein Existenzkampf in der brutalen Welt der Outcasts ist die Parallelhandlung zur Familiengeschichte. Treefrog flüchtet sich in den Alkohol und hat sich manische Tics zugelegt: Ersatzhandlungen, die das verlorene Gleichgewicht seines Lebens wiederherstellen sollen. Schließlich verliebt er sich in die drogenabhängige Angela. Ihr beichtet er eine Schuld, die nie ganz geklärt wird (andeutungsweise ist vom Mißbrauch der kleinen Tochter Lenora die Rede). Geläutert erlebt Treefrog eine Auferstehung aus der Ohnmacht und ihren niederschmetternden Varianten und verläßt den Tunnel.

Der Roman ist ein dunkler, dunkler Gang durch die Nacht. McCanns Melancholie ist deswegen so bitter, weil er seine Figuren immer wieder Hoffnung schöpfen läßt, um sie danach nur noch tiefer zu versenken. Ein Blues ist die verschwiegene Formel des Buches: "Lord, I’m so lowdown I think I’m looking up at down. So tief unten bin ich, Herr, ich sag dir, tief ist noch über mir." McCann führt uns in die Tunnel von New York, die keine Unterwelt sind, sondern ein surreales Purgatorium. Dort rasen Züge mit ohrenbetäubendem Lärm hindurch. Im Winter herrschen tödliche Minusgrade, vor allem aber Vergessen und Verzweiflung: "Treefrog, der unter dem Gitter sitzt und zu den nichtssagenden Sternen hochblickt, weiß, das das Licht, das auf seine Augen trifft, seine Reise Jahre zuvor begonnen hat. Da ist nichts da oben außer vergangener Bewegung, Dingen, die seit langem implodiert und explodiert und für immer verschwunden sind."

Doch unter der Erde finden sich auch Hoffnungszeichen: ein abgestorbener Baum, ein Dali-Gemälde an der Wand, Lichtkegel in der alles nivellierenden Dunkelheit. Meisterhaft hat Colum McCann seine Szenenbilder hingesetzt, entwickelt die gründlich recherchierten Handlungsstränge und vergißt darüber nicht die Wirkmächtigkeit der kleinen Gesten, Bewegungen, Eindrücke. Seine glänzenden stilistischen Fähigkeiten stellte er schon im Gesang der Kojoten unter Beweis. Auch dort erfand er in letzter Sekunde ein Ende, das die Vergangenheit mit der traurigen Gegenwart ein Stück weit versöhnt.

Die Amerikaner wissen nicht so recht, wie sie mit dem Buch umgehen sollen (obwohl sie es natürlich loben). Denn McCann lebt zwar in New York City, ist aber Ire. Und keiner, so die New York Times, könne eine Erzählerstimme so mit Schrecken aufladen wie ein Ire. Nun ist McCann ohne Zweifel ein glänzender Stilist europäischer Prägung. Das heißt, er schwelgt schon mal länger als unbedingt nötig in den schwarzen Stimmungen der Seele. Seinen Roman hat er Amerika und vor allem New York allerdings auf den Leib geschrieben. Nirgendwo sonst ist der Sozialdarwinismus so unbarmherzig am Werk wie hier. Die Bedingungen sind hart, der Ton ist rauh, die Stadt verlangt ihren multinationalen Bewohnern alles ab. Nathan sagt einmal, daß in der Dunkelheit des Tunnels alle gleich seien. Ideale, so könnte man ergänzen, sind also unter die Erde verbannt, in einen Subway-Tunnel, den Geburtskanal der modernen USA. In den Tunneln konnten sich die Einwanderer einen Weg in die Gesellschaft graben - ihre Nachkommen kehren in die Tunnel zurück, an den Rand der Gesellschaft, um sich selbst wiederzufinden.

Wenn die Liebe in diesem Kreislauf nicht so eine wichtige, gleichsam erlösende Rolle spielen würde, wäre es kaum auszuhalten. Manche Wendungen nehmen sich zwar etwas Forrest-Gumphaft aus, aber das Buch bewahrt sich seine Ehrlichkeit und wird auch am Schluß nicht süßlich, eher eine "Bitter Sweet Sympony". McCann hat die Gegengewichte schon richtig gesetzt, wie er überhaupt ein Gespür für Stories und ihre fiktionale Einbindung besitzt. Das liegt nicht unbedingt daran, daß er viel umhergereist ist und deshalb viel zu erzählen hätte (nach dem Motto: Viel hilft viel). Eine umfangreiche Stoffsammlung macht noch keine Romane. Dazu gehört nicht nur die Fähigkeit, Figuren und Handlungen zu erfinden, sondern auch ihre Erwartungen, Leiden und Enttäuschungen ingeniös nachzufühlen und sichtbar zu machen. McCann ist das jetzt schon dreimal auf eine Weise gelungen, die einen nicht losläßt. Er wurde 1965 geboren. Wenn er sich nicht auf die faule Haut legt (oder zum Film wechselt), wird von ihm noch ein beeindruckendes Gesamtwerk zu erwarten sein.

© Thomas Kastura



Die Rezension erschien unter dem Titel "In der Dunkelheit des Tunnels" in der Zeitschrift Lesart 3/1998.

Colum McCann: Der Himmel unter der Stadt
Aus dem Englischen von Matthias Müller.
Reinbek b. Hamburg: Rowohlt Verlag 2000
352 Seiten. 8,50 €


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